Freitag, 10. Juli 2015

Metallfischer



Während Toni und ich noch gemütlich in der Vorschiffskabine schliefen, hob Mama den Anker. Doch die Ankerwinsch tat sich heute so schwer. Plötzlich entdeckte Mama, dass etwas an der Ankerkette hängte. Sie rief Papa und gemeinsam holten sie einen alten verrosteten Stockanker nach oben, der sich an unserer Ankerkette eingekrallt hatte. Zum Glück bewegte sich kein Schiff in der näheren Umgebung. Wahrscheinlich lag dieser Anker schon längere Zeit ohne Besitzer in der Bucht herum. Allerdings wurde unsere arme Boje wieder einmal in Mitleidenschaft gezogen. Sie verhängte sich und tauchte unter. Mama musste die Schnur abschneiden, um sie zu entwirren.
Papa und Mama tuckerten mit dem Motor gemütlich Richtung Festland. Heute lagen knapp 50 Seemeilen vor uns, d. h. 8 bis 9 Stunden Fahrtzeit. Bis Wind aufkam nutzten meine Eltern die Zeit zum Lesen und Gymnastik machen. Beim Losfahren sahen Papa und Mama eine Schwedin an Deck, die ihr morgendliches Fitnessprogramm mit Hanteln und Liegestützen durchzog. Das forderte sie heraus. Mama verzichtete jedoch auf Liegestützen.
Gegen 9 Uhr setze Mama das Großsegel, um das Schiff etwas zu stabilisieren. Der Wind war noch schwach, aber die Wellen liefen aus Nordwesten. Da sie hier lange Zeit ungebremst laufen können, bauen sie sich langsamer ab. Um 10 Uhr bekam Mama dann Frühstückshunger. Das Geklapper weckte mich und ich kam aus meiner Koje heraus. Toni toppte ihren Langschläfertag: Heute wurde es 11 Uhr!!
Unterwegs sahen wir einige große Fähren, passierten die Insel Euxia, die sich der Emir von Katar geleistet hatte und entdeckten Felder zur Salzgewinnung. Um 13:45 Uhr reichte es uns vom Motorgeknatter und wir machten eine Mittagspause im Marschland. Hier war das Wasser ganz seicht, bräunlich gefärbt und es roch leicht kloakig. Trotz dieser widrigen Bedingungen gingen wir Baden, denn es war uns unendlich heiß!
Gegen 16:30 wurden uns die Fliegen an Bord zu lästig. Ich hatte schon 20-30 davon erlegt. Außerdem störte der üble Geruch schon Papas schlechte Nase. Wir wollten den Anker bergen, da zogen wir ein oranges Gefäße (vermutlich ein altes Fischernetz) an unserer Ankerkette nach oben. Unglaublich, zum zweiten Mal an einem Tag! Eigentlich hätten wir auf Goldsuche gehen sollen, soviel Zufall gibt es wohl selten.
Den Rest der Fahrt verbrachte ich mit Lesen. Bin schon fast bei der Hälfte meines E-Books. Tolino ist zurzeit mein bester Freund. Kurz nach 17:30 Uhr erreichten wir die Hafeneinfahrt von Marina Mesolongion. Es dauerte fast noch eine halbe Stunde, bis wir endlich vor Anker lagen. Wir fuhren bestimmt 1 Meile einen Kanal entlang. Überall badeten Leute, an Stegen lagen Fischerboote und kleine Ferienhäuschen gab es dort. Auch wir sprangen direkt vom Boot ins Wasser und schwammen Papa hinterher.
Vor dem Abendessen erkundeten wir noch die Marina. Der Zustand unseres Beibootes verschlechterte sich täglich. Papa wollte im Nautic-Shop noch einen Spezialkleber besorgen, um einen letzten Rettungsversuch zu starten. Mama, Toni und ich sahen uns in der Zwischenzeit im Supermarkt der Marina um. Überall waren Schilder aufgestellt „Fine local products“. Die Produkte in den Regalen waren aber sehr übersichtlich. Mama meinte, es müsste eher „five local products“ heißen.
Abendessen gab es an Bord (Risotto mit Gemüse und als Nachspeise Obst mit Honig und Zitronensaft). Da es noch immer unerträglich heiß war und das Wasser Badewannentemperatur hatte, also nicht zur Abkühlung taugte, gingen wir noch einmal an Land. Toni und ich kühlten uns mit einem Eis innerlich ab, Papa und Mama genossen ein eiskaltes Getränk. Außerdem hatten wir unseren Rucksack mit Zahnputzbecher dabei. Das Wasser in den Toilettenräumen war herrlich zum Abkühlen von Gesicht und Armen. Ich hielt auch noch meinen Kopf unter die Leitung. Nach der Erfrischung kehrten wir zurück zum Schiff. Es war schon sehr spät.

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